Wahre Freundschaft
Wahre Freundschaft lässt sich nicht in Worte fassen
Was stimmt am Begriff „wahre Freundschaft“ nicht? Genau: Es gibt keine „falsche Freundschaft“, somit auch keine „wahre“. Es gibt nur Freundschaft. Wäre sie nicht wahrhaftig, wäre es keine, sondern ein Rollenspiel, eine Intrige, ein Machtspiel. Was mit Freundschaft ungefähr soviel zu tun hätte, wie Atomphysik mit Kartoffeldruck. Genauso, wie es keine „wahre“ oder „falsche“ Liebe gibt, sondern nur Liebe. Warum also bringt unser moderner Sprachgebrauch solche absurden Wortschöpfungen hervor?
Vielleicht aus Angst, dass die tief empfundene Nähe zu einem anderen Menschen nicht wahr sein könnte, sondern lediglich Wunschdenken, Projektion? Vielleicht, weil Freundschaft sich nicht in Worte fassen, sondern nur leben und empfinden lässt?
Wahre Freundschaft kann man nicht erzwingen, erbitten oder konstruieren. Sie entsteht als Manifestation karmischer Verbindungen zwischen zwei oder mehr Menschen. Ob daraus eine Liebesbeziehung wird oder nicht, spielt für das Bestehen der Freundschaft keine Rolle.
Wahre Freundschaft bedarf keiner Spielregeln, keiner Definition, sondern sie entwickelt sich organisch. Sie zerstört niemals andere, bestehende Beziehungen, sondern bereichert diese. Sie ist eine überwiegend asexuelle Liebe in einer hehren, funktions- und zweckbefreiten Form. Sie verlangt keine Wunsch- und Bedürfniserfüllung, sondern erfüllt Wünsche und Bedürfnisse. Emotionale Loyalität, Unterstützung, Hilfe in Lebenskrisen, das Teilen schöner und schlimmer Erfahrungen, ohne daraus Ansprüche oder Verpflichtungen abzuleiten. Wahre Freundschaft bedarf auch keiner ständigen Rückversicherungen. Sie ist eine Verbindung, die nicht eingefordert werden muss, sondern durch das Füreinander-da-sein gepflegt wird. Sie überdauert im Extremfall auch eine jahrzehntelange Funkstille und knüpft übergangslos dort an, wo der Kontakt vorübergehend unterbrochen war…
